Samstag, 19. April 2014

Tag 1

Der Tag, an dem Mikhail verschwand, war ein heißer, trockener Sommertag. Schon am frühen Morgen brannte die Sonne unnatürlich stark, als wollte sie das ganze Wasser austrocknen, das ihn verschlungen hatte. Mikhail war mein Vetter, angeheiratet und nicht blutsverwandt und für mich mehr Freund als Familie. Aber er war ein teurer Freund, einer von den wenigen echten, die im Umgang mit mir nicht nur an ihr Vergnügen dachten. Keiner von uns konnte sich erklären, warum er verschwunden war. Am Morgen fuhr er wie immer allein hinaus aufs Meer, kam jedoch nicht wie sonst rechtzeitig zum Frühstück zurück. Meine Tante machte sich keine allzu großen Sorgen, denn Mikhail war nie der Pünktlichste gewesen, auch wenn er das Frühstück normalerweise nicht verpasste. Sie wartete eine halbe Stunde, dann eine, dann zwei, und dann begann sie, von Haus zu Haus zu gehen und die Nachbarn zu fragen, ob ihr Sohn denn nicht dort gefrühstückt hatte. Niemand hatte ihn gesehen, geschweige denn zum Essen mit hereingenommen. Auch zu uns kam seine Mutter, denn wir wohnten in derselben Straße und Mikhail kam uns oft besuchen.  An diesem Tag jedoch hatten auch wir nichts von ihm gehört. 
Als es Nachmittag war, wusste das ganze Dorf darüber Bescheid, dass Mikhail nicht zum Essen erschienen war. Noch schneller verbreitete sich die Nachricht, als gegen vier Uhr sein Boot an den Strand geschwemmt wurde. Es war unverkennbar seins, denn der Name des Bootes  – Anastasia – stand gut sichtbar auf beiden Seiten. Es hatte uns alle verwundert, als Mikhail es nicht nach seiner Verlobten, sondern nach seiner längst erloschenen ersten großen Liebe benannt hatte, aber wir haben nie etwas gesagt und nur stillschweigend dabei zugesehen, wie auch Mikhails zweite Beziehung auseinanderfiel und seine Verlobte ihn schließlich verließ, als sie dahinter kam. Er trauerte ihr nicht nach und irgendwann sagte er mir im Vertrauen, dass er sie nie wirklich geliebt hatte. Es war erstaunlich, dass nicht getuschelt wurde, denn normalerweise verbreitete sich Tratsch in unserem Dorf schneller als der Wind an einem stürmischen Tag durch die Straßen fegte.
Die Anastasia war fast leer. Alles, was sich darin befand, war eine kleine verschlossene Kiste, die Mikhail gehört hatte. Einige erkannten sie wieder, obwohl Mikhail sie immer gehütet hatte wie seinen Augapfel. Niemand wusste, was sich darin befand, das hatte er noch nie jemandem gezeigt. Zu meinem Bruder hatte er im Rausch einmal gesagt, dass er sie nach Mikhails Tod öffnen dürfe, was beide schnell wieder vergessen hatten.  Nun lag diese Kiste da, still und unheilvoll, und von Mikhail keine Spur.
„Er wird gekentert und zum nächsten Ufer geschwommen sein“, sagte jemand, ein Nachbar, oder ein Verwandter. „Wahrscheinlich ist er in einem der Nachbardörfer untergekommen. Morgen wird er zurück sein.“
Viele von uns glaubten dem Mann, weil sie ihm glauben wollten. Tatsächlich jedoch war Mikhail zwar ein guter Schwimmer, aber ein noch erfahrenerer Bootsfahrer und an diesem Tag war der Wellengang so schwach, dass ein Schiffsbruch ausgeschlossen war. Dennoch wurde beschlossen, dass man noch eine Nacht warten müsse, bevor jemand voreilige Schlüsse zog. Meine Tante beruhigte sich für den Rest des Tages und wir warteten. Die meisten Dorfbewohner verblieben noch eine Weile am Strand, tuschelten und starrten das leere Boot an, als könne Anastasia uns die Antworten geben, die wir uns so sehr wünschten. Nach und nach gingen jedoch immer mehr Leute wieder nach Hause, erst die, die nichts mit Mikhail zu schaffen gehabt hatten, dann entferntere Verwandte und Bekannte, bis schließlich nur noch meine Tante, mein Bruder und ich übrig waren. Wir zitterten alle drei ganz erbärmlich, denn es war dunkel und kalt geworden und doch konnten wir den Blick nicht vom Meer abwenden, als erwarteten wir, dass es in einem Moment der Unachtsamkeit Mikhail wieder freigab und wir dann seine Rückkehr verpassen könnten. Aber das Meer blieb still und verschlossen, lediglich das Meeresrauschen wurde stärker, als der Wind zunahm, und alles, was wir sehen konnten, war, wie sich das Mondlicht auf dem schwarzen Wasser spiegelte