Der Tag, an dem Mikhail
verschwand, war ein heißer, trockener Sommertag. Schon am frühen Morgen brannte
die Sonne unnatürlich stark, als wollte sie das ganze Wasser austrocknen, das
ihn verschlungen hatte. Mikhail war mein Vetter, angeheiratet und nicht blutsverwandt und für mich mehr Freund als Familie. Aber er war ein teurer Freund, einer von den wenigen echten, die im
Umgang mit mir nicht nur an ihr Vergnügen dachten. Keiner von uns konnte sich
erklären, warum er verschwunden war. Am Morgen fuhr er wie immer allein hinaus
aufs Meer, kam jedoch nicht wie sonst rechtzeitig zum Frühstück zurück. Meine
Tante machte sich keine allzu großen Sorgen, denn Mikhail war nie der
Pünktlichste gewesen, auch wenn er das Frühstück normalerweise nicht
verpasste. Sie wartete eine halbe Stunde, dann eine, dann zwei, und dann begann
sie, von Haus zu Haus zu gehen und die Nachbarn zu fragen, ob ihr Sohn denn
nicht dort gefrühstückt hatte. Niemand hatte ihn gesehen, geschweige denn zum
Essen mit hereingenommen. Auch zu uns kam seine Mutter, denn wir wohnten in
derselben Straße und Mikhail kam uns oft besuchen. An diesem Tag jedoch
hatten auch wir nichts von ihm gehört.
Als es Nachmittag war, wusste
das ganze Dorf darüber Bescheid, dass Mikhail nicht zum Essen erschienen war.
Noch schneller verbreitete sich die Nachricht, als gegen vier Uhr sein Boot an
den Strand geschwemmt wurde. Es war unverkennbar seins, denn der Name des
Bootes – Anastasia – stand gut sichtbar auf beiden Seiten. Es
hatte uns alle verwundert, als Mikhail es nicht nach seiner Verlobten, sondern
nach seiner längst erloschenen ersten großen Liebe benannt hatte, aber wir
haben nie etwas gesagt und nur stillschweigend dabei zugesehen, wie auch
Mikhails zweite Beziehung auseinanderfiel und seine Verlobte ihn schließlich
verließ, als sie dahinter kam. Er trauerte ihr nicht nach und irgendwann sagte
er mir im Vertrauen, dass er sie nie wirklich geliebt hatte. Es war
erstaunlich, dass nicht getuschelt wurde, denn normalerweise verbreitete sich
Tratsch in unserem Dorf schneller als der Wind an einem stürmischen Tag durch
die Straßen fegte.
Die Anastasia war fast leer. Alles,
was sich darin befand, war eine kleine verschlossene Kiste, die Mikhail gehört
hatte. Einige erkannten sie wieder, obwohl Mikhail sie immer gehütet hatte wie
seinen Augapfel. Niemand wusste, was sich darin befand, das hatte er noch nie
jemandem gezeigt. Zu meinem Bruder hatte er im Rausch einmal gesagt, dass er
sie nach Mikhails Tod öffnen dürfe, was beide schnell wieder vergessen hatten. Nun lag diese Kiste da, still und unheilvoll, und von Mikhail keine Spur.
„Er wird gekentert und zum
nächsten Ufer geschwommen sein“, sagte jemand, ein Nachbar, oder ein
Verwandter. „Wahrscheinlich ist er in einem der Nachbardörfer untergekommen.
Morgen wird er zurück sein.“
Viele von uns glaubten dem Mann,
weil sie ihm glauben wollten. Tatsächlich jedoch war Mikhail zwar ein guter
Schwimmer, aber ein noch erfahrenerer Bootsfahrer und an diesem Tag war der
Wellengang so schwach, dass ein Schiffsbruch ausgeschlossen war. Dennoch wurde
beschlossen, dass man noch eine Nacht warten müsse, bevor jemand voreilige Schlüsse
zog. Meine Tante beruhigte sich für den Rest des Tages und wir warteten. Die meisten
Dorfbewohner verblieben noch eine Weile am Strand, tuschelten und starrten das
leere Boot an, als könne Anastasia uns die Antworten geben, die wir uns so sehr
wünschten. Nach und nach gingen jedoch immer mehr Leute wieder nach Hause, erst
die, die nichts mit Mikhail zu schaffen gehabt hatten, dann entferntere
Verwandte und Bekannte, bis schließlich nur noch meine Tante, mein Bruder und
ich übrig waren. Wir zitterten alle drei ganz erbärmlich, denn es war dunkel
und kalt geworden und doch konnten wir den Blick nicht vom Meer abwenden, als
erwarteten wir, dass es in einem Moment der Unachtsamkeit Mikhail wieder
freigab und wir dann seine Rückkehr verpassen könnten. Aber das Meer blieb still und
verschlossen, lediglich das Meeresrauschen wurde stärker, als der Wind zunahm,
und alles, was wir sehen konnten, war, wie sich das Mondlicht auf dem schwarzen
Wasser spiegelte