Samstag, 19. April 2014

Tag 2

Meine Tante hatte in alle Nachbardörfer telefoniert, in denen sie jemanden kannte, meistens um jemanden zu bitten, wen zu bitten, wen zu bitten, nach einem jungen Mann namens Mikhail zu fragen, und immer erfolglos. 
„Wir müssen warten“, versuchte mein Vater seine Schwägerin zu beruhigen. „Vielleicht ist er keinem begegnet, den wir angerufen haben, und schon auf dem Weg nach Hause.“
Meine Tante fragte nicht, warum Mikhail sich nicht von sich aus gemeldet hatte.  Normalerweise rief er immer bei seinen engsten Verwandten an, wenn er auswärts unterwegs war und erst recht, wenn Grund zur Sorge um ihn bestand. Auch war es unwahrscheinlich, dass er zu keinem Bekannten gegangen war. Aber seine Eltern wagten es nicht, zu zweifeln oder sich die Frage zu stellen, wie Mikhail es allein und ohne Geld nach Hause schaffen sollte. Mein Bruder und ich entschieden uns ebenfalls, unserem Vater zu glauben, und verbrachten den Tag am Busbahnhof, beobachteten stumm die Menschen, die aus allen möglichen Orten ankamen und mit großen Koffern und Reisetaschen beladen zu Schaltern hasteten oder von Freunden und Verwandten in Empfang genommen wurden. Ein Bus nach dem anderen kam an, und bei jedem hofften wir, dass sich unter den Passagieren ein gepäckloser junger Mann befinden würde, der inzwischen sehr müde sein musste und wahrscheinlich eine Dusche bitter nötig hatte. Selbst, wenn ein Bus nicht vom Meer kam, betrachteten wir die Aussteigenden genau, überprüften jeden Einzelnen danach, ob er nicht unser Vetter war.
Mikhail kam nicht. Er war nicht der Bettler mit der ähnlichen Stimme, welcher uns aufschrecken ließ, als er um eine kleine Spende bat und eine große bekam. Er war auch nicht das Kind mit demselben Namen, das von seiner Mutter gerufen wurde und nicht auf sie hören wollte, sondern sich lieber zwischen den Bussen versteckte.
Nachdem wir auch unter den letzten Ankommenden kein bekanntes Gesicht gesehen hatten, gingen wir wieder nach Hause. Nachdem man die Anastasia in den Sand geschleift hatte, hatte mein Bruder trotz einiger Proteste Mikhails Kiste und den Schlüssel dazu, den man unter der kleinen Bank im Boot entdeckt hatte, zu sich mitgenommen. Er war nicht der Einzige, dem wieder eingefallen war, was Mikhail zu ihm gesagt hatte. Am Abend starrte er die Kiste mindestens eine Stunde lang mit dem Schlüssel in der Hand an, bis er es nicht mehr aushielt und einige Freunde und Bekannte zu sich einlud, um mit ihnen eine Flasche Rum zu leeren. Mikhails Lieblingsgetränk. Immer wenn er zum Rum griff, erfand er die spannendsten Geschichten. Meist handelten sie von Piraten und verborgenen Schätzen. Auch ich setzte mich stets zu ihm und den anderen jungen Männern, um zuzuhören, obwohl fast jedes Mal irgendwann einer der besonders Betrunkenen versuchte, mir näher zu kommen. Es war mir unangenehm, bisher hatten Mikhail und mein Bruder mich jedoch immer beschützen können und verhindert, dass mich jemand auch nur anfasste. Diesmal wagte niemand den Versuch, mich zu berühren. Mein Bruder wurde gefragt, ob er die Kiste bereits geöffnet hatte und wurde zornig.

„Natürlich nicht! Mikhail sagte mir, ich soll sie öffnen, wenn er tot ist.“ Daraufhin begann die Gruppe darüber zu spekulieren, was wohl in der Kiste sein mochte. Je mehr Rum aus der Flasche verschwand, desto abstruser wurden die Geschichten. Erst glaubte man, darin könnte Mikhails Testament sein, was für einen jungen und gesunden Mann jedoch ungewöhnlich gewesen wäre. Dann meinten einige, Mikhail sei selbst ein Pirat und habe in der Kiste gestohlene Schätze versteckt, andere vermuteten eine Schatzkarte oder gar den Schädel eines toten Mannschaftsmitglieds. Es juckte mich in den Fingern, die Kiste zu öffnen und nachzusehen, welche der Vermutungen nun stimmte, doch ich wagte es nicht. Ich fürchtete mich nicht vor dem womöglich grausigen Inhalt, obwohl ich im Rausch beinahe daran glaubte, dass ich Knochen oder Schlimmeres vorfinden würde. Stattdessen verspürte ich eine irrationale Angst davor, dass das Öffnen der Kiste Mikhails Verschwinden zu etwas Endgültigem machen würde. Dass meine Entscheidung auf irgendeine Art und Weise beeinflussen könnte, was mit meinem Vetter passiert war. Natürlich war es dumm. Aber solange die Kiste geschlossen war, konnte ich mich weiterhin der Illusion hingeben, dass nichts Schlimmes passiert war. Solange die Kiste geschlossen war, war Mikhail noch am Leben