Meine Tante hatte in alle
Nachbardörfer telefoniert, in denen sie jemanden kannte, meistens um jemanden
zu bitten, wen zu bitten, wen zu bitten, nach einem jungen Mann namens Mikhail
zu fragen, und immer erfolglos.
„Wir müssen warten“, versuchte
mein Vater seine Schwägerin zu beruhigen. „Vielleicht ist er keinem begegnet,
den wir angerufen haben, und schon auf dem Weg nach Hause.“
Meine Tante fragte nicht, warum
Mikhail sich nicht von sich aus gemeldet hatte. Normalerweise rief er
immer bei seinen engsten Verwandten an, wenn er auswärts unterwegs war und erst
recht, wenn Grund zur Sorge um ihn bestand. Auch war es unwahrscheinlich, dass er
zu keinem Bekannten gegangen war. Aber seine Eltern wagten es nicht, zu
zweifeln oder sich die Frage zu stellen, wie Mikhail es allein und ohne Geld
nach Hause schaffen sollte. Mein Bruder und ich entschieden uns ebenfalls,
unserem Vater zu glauben, und verbrachten den Tag am Busbahnhof, beobachteten
stumm die Menschen, die aus allen möglichen Orten ankamen und mit großen
Koffern und Reisetaschen beladen zu Schaltern hasteten oder von Freunden und
Verwandten in Empfang genommen wurden. Ein Bus nach dem anderen kam an, und bei
jedem hofften wir, dass sich unter den Passagieren ein gepäckloser junger Mann
befinden würde, der inzwischen sehr müde sein musste und wahrscheinlich eine
Dusche bitter nötig hatte. Selbst, wenn ein Bus nicht vom Meer kam,
betrachteten wir die Aussteigenden genau, überprüften jeden Einzelnen danach,
ob er nicht unser Vetter war.
Mikhail kam nicht. Er war nicht
der Bettler mit der ähnlichen Stimme, welcher uns aufschrecken ließ, als er um
eine kleine Spende bat und eine große bekam. Er war auch nicht das Kind mit
demselben Namen, das von seiner Mutter gerufen wurde und nicht auf sie hören
wollte, sondern sich lieber zwischen den Bussen versteckte.
Nachdem wir auch unter den
letzten Ankommenden kein bekanntes Gesicht gesehen hatten, gingen wir wieder
nach Hause. Nachdem man die Anastasia in den Sand geschleift hatte, hatte mein
Bruder trotz einiger Proteste Mikhails Kiste und den Schlüssel dazu, den man
unter der kleinen Bank im Boot entdeckt hatte, zu sich mitgenommen. Er war
nicht der Einzige, dem wieder eingefallen war, was Mikhail zu ihm gesagt hatte.
Am Abend starrte er die Kiste mindestens eine Stunde lang mit dem Schlüssel in
der Hand an, bis er es nicht mehr aushielt und einige Freunde und Bekannte zu
sich einlud, um mit ihnen eine Flasche Rum zu leeren. Mikhails
Lieblingsgetränk. Immer wenn er zum Rum griff, erfand er die spannendsten
Geschichten. Meist handelten sie von Piraten und verborgenen Schätzen. Auch ich setzte mich stets zu ihm und den anderen jungen Männern, um zuzuhören, obwohl
fast jedes Mal irgendwann einer der besonders Betrunkenen versuchte, mir näher zu kommen. Es war mir unangenehm, bisher hatten Mikhail und mein Bruder mich
jedoch immer beschützen können und verhindert, dass mich jemand auch nur anfasste.
Diesmal wagte niemand den Versuch, mich zu berühren. Mein Bruder wurde gefragt, ob er
die Kiste bereits geöffnet hatte und wurde zornig.
„Natürlich nicht! Mikhail sagte
mir, ich soll sie öffnen, wenn er tot ist.“ Daraufhin begann die Gruppe darüber
zu spekulieren, was wohl in der Kiste sein mochte. Je mehr Rum aus der Flasche
verschwand, desto abstruser wurden die Geschichten. Erst glaubte man, darin
könnte Mikhails Testament sein, was für einen jungen und gesunden Mann jedoch
ungewöhnlich gewesen wäre. Dann meinten einige, Mikhail sei selbst ein Pirat und habe in
der Kiste gestohlene Schätze versteckt, andere vermuteten eine Schatzkarte oder
gar den Schädel eines toten Mannschaftsmitglieds. Es juckte mich in den Fingern,
die Kiste zu öffnen und nachzusehen, welche der Vermutungen nun stimmte, doch
ich wagte es nicht. Ich fürchtete mich nicht vor dem womöglich grausigen
Inhalt, obwohl ich im Rausch beinahe daran glaubte, dass ich Knochen oder
Schlimmeres vorfinden würde. Stattdessen verspürte ich eine irrationale Angst
davor, dass das Öffnen der Kiste Mikhails Verschwinden zu etwas Endgültigem
machen würde. Dass meine Entscheidung auf irgendeine Art und Weise beeinflussen
könnte, was mit meinem Vetter passiert war. Natürlich war es dumm. Aber solange
die Kiste geschlossen war, konnte ich mich weiterhin der Illusion hingeben, dass nichts
Schlimmes passiert war. Solange die Kiste geschlossen war, war Mikhail noch am Leben