Mein Vater war der Erste, der
das Unaussprechliche aussprach. Obwohl wir uns nicht verabredet hatten, traf
sich die ganze Familie schon frühmorgens bei uns zu Hause, wobei einige
auffällig unauffällig nach der Kiste Ausschau hielten. Als hätten sie geahnt,
was mein Vater zu sagen hatte.
„Wir haben lange genug gewartet.
Es ist an der Zeit, dass wir nach Mikhail suchen.“
Wir alle wussten, was er damit
meinte. Dass Mikhail womöglich nicht lebend zurückkehren würde. Und dass wir am
Strand nach seinem angeschwemmten Körper Ausschau halten mussten. Ich hatte
erwartet, dass meine Tante protestiert, weint, sich der Wahrheit nicht stellen
wollte. Stattdessen starrte sie mit leerem Blick ins Nichts. Nur ihr knappes
Nicken verriet, dass sie die Welt und die Menschen um sich herum noch immer
wahrnahm. In diesem Moment kam sie mir fort vor, so weit fort, dass man meinen
könnte, sie sei Mikhail näher als uns.
Mein Bruder, einige andere
Verwandte und ich teilten uns danach auf und jeder verweilte in seinem
Abschnitt des Strandes, hoffend und gleichzeitig fürchtend, dass der Tote dort
angeschwemmt werden würde. Die meiste Zeit über hatte ich den Blick starr in
die Ferne gerichtet und wusste nicht, was ich mir wünschen sollte. Ich kam mir
vom Tod umgeben vor. Im Sand lag eine tote Möwe, um deren verfaulenden Körper
zahlreiche Fliegen herumschwirrten, in der Brandung lagen toter Seetang, tote
Muscheln und der eine oder andere tote Krebs und auch das Wasser selbst
erschien mir auf einmal tot und schwer von den Opfern, die es sich genommen
hatte.
Wir fanden unseren Vetter nicht,
stattdessen aber ein totes Kind, einen kleinen Jungen, den man nach seinem Verschwinden den halben Tag über mit Booten gesucht hatte. Er lag im flachen Wasser, wo sein schlaffer Körper
von den Wellen immer und immer wieder gegen die Steine geschlagen wurde. Die
inzwischen ausgeblutete Wunde an seinem Kopf verriet, dass er dort gespielt hatte und ausgerutscht war. Nachdem die Leiche fortgeschafft und die Eltern informiert wurden,
konnte man aus jedem Haus die Eltern ihre Kinder, die ebenfalls am Wasser
gespielt hatten, anschreien hören. Der Schock und die Erleichterung waren
deutlich aus ihren Stimmen herauszuhören, ihre im Zorn geschrienen Worte
wirkten von Minute zu Minute unwichtiger und vermengten sich zu einem einzigen diffusen Ruf, der bewies, dass es noch Leben gab. Kaum ein Kind weinte oder
jammerte. Als ich vom Strand zurückkehrte, sah ich einige von ihnen an der Hand
ihrer Mutter oder ihres Vaters durch die Straßen gehen. Sie hatten den Kopf
gesenkt und ließen sich eher ziehen als dass sie gingen, ihre Eltern schienen
sie kaum wahrzunehmen. Auch der Mutter des verstorbenen Kindes begegnete ich
kurz. Sie lief ziellos durch das Dorf, still und tot wie meine Tante, und
keiner wagte es, sie aufzuhalten.
Abends spielten keine
Nachbarskinder Fangen oder Verstecken. Die Straßen waren wie leergefegt, unser
Dorf lag tot da, mit nicht viel mehr als Geistern als Einwohnern. Ich war
erschöpft und ging früh zu Bett, konnte jedoch in der erdrückenden Stille lange
nicht einschlafen. Als ich es irgendwann in der Nacht schließlich doch
schaffte, wurde ich von einem langgezogenen Schreien wieder aus meinen Träumen
gerissen. Es war die Mutter des toten Jungen, wie ich bald darauf heraushören
konnte, deren Verzweiflung nun aus ihr herausbrach. Es mag schrecklich klingen,
aber das geisterhafte Heulen ließ mich leichter einschlafen. Ein kleiner,
verrückter Teil von mir, den ich nur im Halbschlaf wahrnahm, war erleichtert
darüber, dass auch Geister noch rufen konnten und Tote nicht ganz fort waren.
Und ein noch verrückterer Teil glaubte, in dem qualvollen Weinen den Namen
Anastasia zu hören. Ich gab mich diesen Träumen bereitwillig hin. Sie waren
eindeutig erträglicher als die Gedanken, die mich sonst erwartet hätten.