Samstag, 19. April 2014

Tag 3

Mein Vater war der Erste, der das Unaussprechliche aussprach. Obwohl wir uns nicht verabredet hatten, traf sich die ganze Familie schon frühmorgens bei uns zu Hause, wobei einige auffällig unauffällig nach der Kiste Ausschau hielten. Als hätten sie geahnt, was mein Vater zu sagen hatte.
„Wir haben lange genug gewartet. Es ist an der Zeit, dass wir nach Mikhail suchen.“
Wir alle wussten, was er damit meinte. Dass Mikhail womöglich nicht lebend zurückkehren würde. Und dass wir am Strand nach seinem angeschwemmten Körper Ausschau halten mussten. Ich hatte erwartet, dass meine Tante protestiert, weint, sich der Wahrheit nicht stellen wollte. Stattdessen starrte sie mit leerem Blick ins Nichts. Nur ihr knappes Nicken verriet, dass sie die Welt und die Menschen um sich herum noch immer wahrnahm. In diesem Moment kam sie mir fort vor, so weit fort, dass man meinen könnte, sie sei Mikhail näher als uns.
Mein Bruder, einige andere Verwandte und ich teilten uns danach auf und jeder verweilte in seinem Abschnitt des Strandes, hoffend und gleichzeitig fürchtend, dass der Tote dort angeschwemmt werden würde. Die meiste Zeit über hatte ich den Blick starr in die Ferne gerichtet und wusste nicht, was ich mir wünschen sollte. Ich kam mir vom Tod umgeben vor. Im Sand lag eine tote Möwe, um deren verfaulenden Körper zahlreiche Fliegen herumschwirrten, in der Brandung lagen toter Seetang, tote Muscheln und der eine oder andere tote Krebs und auch das Wasser selbst erschien mir auf einmal tot und schwer von den Opfern, die es sich genommen hatte.
Wir fanden unseren Vetter nicht, stattdessen aber ein totes Kind, einen kleinen Jungen, den man nach seinem Verschwinden den halben Tag über mit Booten gesucht hatte. Er lag im flachen Wasser, wo sein schlaffer Körper von den Wellen immer und immer wieder gegen die Steine geschlagen wurde. Die inzwischen ausgeblutete Wunde an seinem Kopf verriet, dass er dort gespielt hatte und ausgerutscht war. Nachdem die Leiche fortgeschafft und die Eltern informiert wurden, konnte man aus jedem Haus die Eltern ihre Kinder, die ebenfalls am Wasser gespielt hatten, anschreien hören. Der Schock und die Erleichterung waren deutlich aus ihren Stimmen herauszuhören, ihre im Zorn geschrienen Worte wirkten von Minute zu Minute unwichtiger und vermengten sich zu einem einzigen diffusen Ruf, der bewies, dass es noch Leben gab. Kaum ein Kind weinte oder jammerte. Als ich vom Strand zurückkehrte, sah ich einige von ihnen an der Hand ihrer Mutter oder ihres Vaters durch die Straßen gehen. Sie hatten den Kopf gesenkt und ließen sich eher ziehen als dass sie gingen, ihre Eltern schienen sie kaum wahrzunehmen. Auch der Mutter des verstorbenen Kindes begegnete ich kurz. Sie lief ziellos durch das Dorf, still und tot wie meine Tante, und keiner wagte es, sie aufzuhalten.
Abends spielten keine Nachbarskinder Fangen oder Verstecken. Die Straßen waren wie leergefegt, unser Dorf lag tot da, mit nicht viel mehr als Geistern als Einwohnern. Ich war erschöpft und ging früh zu Bett, konnte jedoch in der erdrückenden Stille lange nicht einschlafen. Als ich es irgendwann in der Nacht schließlich doch schaffte, wurde ich von einem langgezogenen Schreien wieder aus meinen Träumen gerissen. Es war die Mutter des toten Jungen, wie ich bald darauf heraushören konnte, deren Verzweiflung nun aus ihr herausbrach. Es mag schrecklich klingen, aber das geisterhafte Heulen ließ mich leichter einschlafen. Ein kleiner, verrückter Teil von mir, den ich nur im Halbschlaf wahrnahm, war erleichtert darüber, dass auch Geister noch rufen konnten und Tote nicht ganz fort waren. Und ein noch verrückterer Teil glaubte, in dem qualvollen Weinen den Namen Anastasia zu hören. Ich gab mich diesen Träumen bereitwillig hin. Sie waren eindeutig erträglicher als die Gedanken, die mich sonst erwartet hätten.