Samstag, 19. April 2014

Tag 4

Mein Bruder starrte Mikhails Kiste an und weinte. Es war später Abend und wir hatten wieder nichts als Tang und tote Muscheln gefunden, deren Geruch noch immer in unseren Nasen verweilte. Und mein Bruder weinte. Ich hatte ihn nur selten weinen sehen, normalerweise war er beherrscht und stolz und zog sich zurück, wenn seine Gefühle aus ihm herauszubrechen drohten. Diesmal jedoch versuchte er nicht einmal, seine Tränen zu verbergen. Es machte mir Angst, denn für einen kurzen Moment war auf seinem Gesicht der gleiche tote Ausdruck zu erkennen wie auf dem meiner Tante und der Geistermutter, wie ich die eigentlich fremde Frau seit dem Vorfall in der letzten Nacht nannte.
„Ich will sie nicht öffnen“, sagte er heiser, als ich zu ihm trat, und sah mich aus rotgeweinten aber lebenden Augen an. „Ich muss sie öffnen, aber ich will es nicht.“
Ich erwiderte nichts und setzte mich neben ihn, um mit ihm zusammen die Kiste anzustarren. Je länger Mikhail verschwunden blieb, desto mehr glich sie einem Sarg und das Meer, das wir jeden Tag sahen, einem Friedhof. Ich wollte meinem Bruder Hoffnung geben, ihm sagen, dass unser Vetter vielleicht noch am Leben war und er deshalb nicht von dem kleinen Schlüssel in seiner Hand Gebrauch machen musste, aber ich schaffte es nicht einmal, mir selbst Hoffnung zu machen.
„Unsere Tante ist tot“, sagte ich irgendwann, ohne zu wissen, warum. Die Worte rutschten mir heraus, bevor ich es verhindern konnte. „Sie lebt noch, aber sie sieht tot aus.“ Jeder Andere hätte mich für verrückt gehalten, aber mein Bruder schien zu verstehen, was ich meinte.
„Manchmal hat Mischa auch so ausgesehen“, flüsterte er und steckte den Schlüssel ein.
„Du öffnest die Kiste nicht?“
„Nein. Ich öffne sie nicht.“ Noch nicht, das war es, was er meinte. Mikhail sollte so lange leben, wie wir glauben konnten, dass er am Leben war.
Das Meer war an diesem Abend überall. Ich wusch mich bestimmt eine Stunde lang, konnte den Geruch nach Salzwasser und Seetang jedoch nicht loswerden. Er schien sich unwiderruflich festgesetzt zu haben, ein kleines Stück Tod, das an mir hängen bleiben wollte. Ich hörte auf jedes Wort, das in meiner Nähe gesprochen wurde, auf jedes kleine Geräusch, das erklang, und konnte doch das Kreischen der Möwen nicht ausblenden, ein unheilvolles, beinahe menschliches Kreischen, aus dem ich immer mehr Namen heraushören konnte, je länger ich ihm unfreiwillig lauschte. Diese Vögel erschienen mir wie Todesboten, mehr als Raben, Krähen und Eulen es je hätten sein können. Fast erwartete ich, dass sie sich jeden Moment auch die Seelen der Lebenden greifen konnten. Oder die der lebenden Toten.
Fast die ganze Familie kehrte zum Abendessen bei uns ein. Keiner wollte allein sein, doch auch miteinander hielten wir es kaum aus. Ich wollte gehen, mich wieder waschen, ertrug jedoch die forschenden Blicke meines Onkels, die den ganzen Abend über auf mir lagen und den eingefallenen, toten Ausdruck auf dem Gesicht meiner Tante. Ich lauschte mit halbem Ohr dem Streit, der irgendwann zwischen einigen Vettern und Halbgeschwistern ausbrach und ergriff nur dann Partei, wenn ausdrücklich danach verlangt wurde. Am Rande bekam ich mit, dass sie sich um die Kiste stritten und jeder von sich behauptete, ein Recht auf ihren Inhalt zu haben. Mein Bruder jedoch kämpfte um Mikhails kostbarsten Besitz und um das Recht, das der Verschwundene an ihn weitergegeben hatte, bis niemand es mehr wagte, ihm zu widersprechen. Ich ließ mich von einem betrunkenen Nachbarn, der uneingeladen dazu gestoßen war, an den Brüsten und den Beinen greifen und wünschte mir, Mikhail wäre da, um ihn von mir fortzujagen.
Aber Mikhail war nicht da. Er war auch an diesem Tag nicht zurückgekehrt, weder lebend, noch als vom Meer ausgespiene Leiche. Draußen kreischten weiterhin die Totenvögel und salzige, tote Luft hing zäh in den Straßen.