Samstag, 19. April 2014

Tag 5

Das Meer war ruhig. Beinahe könnte man sagen, es war müde. Am Strand war das Plätschern kleiner, träger Wellen zu hören und das sonst dunkle Wasser schillerte im Licht der gnadenlos niederbrennenden Mittagssonne. Bald schon fühlte ich mich schwach und ausgedörrt, als ich an meinem Strandabschnitt nach Mikhails Körper Ausschau hielt. Die Suche war zwecklos, denn der schwache Wellengang reichte nicht einmal aus, um den Seetang und die Muscheln anzuschwemmen, die zu meinen täglichen Begleitern geworden waren, geschweige denn einen ganzen Menschen. Ich weiß nicht, warum, aber das verschaffte mir mehr als alles Andere die Sicherheit, dass Mikhail tot war. Diese Ruhe vermochte es, mich stärker zu überzeugen als ein tosender Sturm, die Schreie der Möwen oder gar seine Leiche es je geschafft hätten.
Wir gaben das Suchen an diesem Tag früh auf. Ich war froh darüber, denn obwohl der Geruch nach Tod nicht mehr so penetrant war wie am Abend zuvor, war ich erschöpft. Die salzige Luft hatte meine Augen ausgetrocknet und meine Kehle brannte in dem Verlangen nach Wasser.
Am Nachmittag öffnete mein Bruder die Kiste. Er kündigte es nicht an, dennoch sprach sich die Nachricht über sein Vorhaben im ganzen Dorf herum. Noch bevor er den Schlüssel zur Hand genommen hatte, wusste jeder, dass das Geheimnis um Mikhails Schatzkiste nun bald gelüftet werden würde. Schließlich fand die gesamte Familie sich in unserem Wohnzimmer ein, einige streitend, andere beinahe ehrfürchtig. Mein Bruder drehte den Schlüssel im Schloss und Mikhail war fort. Wie er es schon die ganze Zeit gewesen war. Auch meine Tante wirkte so, als wäre sie weit weg. Ich fragte mich, ob sie jemals wieder zurückkehren würde, oder ob sie für den Rest ihres Lebens als lebendige Tote von einem Tag zum nächsten geistern würde. Nur als mein Bruder den hölzernen Deckel hochklappte und den Schatz ihres Sohnes offenbarte, blitzte kurz Leben in ihren Augen auf. Sie erinnerten mich an Mikhails Augen, bevor seine Liebe zerbrochen war - dasselbe Blau, dasselbe Leben.
Es war eine Muschel. Eine große, von einer dicken Schicht Perlmutt bedeckte Auster, um genau zu sein, die Mikhail vor langer Zeit am Strand gefunden und seiner großen Liebe geschenkt hatte. 
„Anastasia“, flüsterte mein Bruder leise. Diese Muschel hatte damals Mikhail und seine Liebe verbunden und nun wurde sie herumgereicht und verband Familienmitglieder, die es zuvor kaum ausgehalten hatten, im selben Raum zu sein. Es sprach sich noch schneller herum als Mikhails Verschwinden oder dass mein Bruder seinen Tod nun inoffiziell offiziell machen wollte. Wer Schätze oder ein Testament erwartet hatte, war enttäuscht. Doch die meisten Leute tuschelten nur. Wo auch immer ich nach dem Öffnen der Kiste hinging, konnte ich sie den Namen Anastasia wispern hören. Mikhail wurde als liebeskrank bezeichnet, seine erloschene Liebe als grausam. Einige warfen sich gegenseitig traurige und wissende Blicke zu, ohne zu verraten, was sie dachten.
Wir beschlossen, die Kiste zu begraben. Wir hatten schließlich nichts Anderes. Keinen Körper, keinen Sarg, keinen Geistlichen, der den Toten segnen würde. Mein Onkel vergrub sie am Strand, dort, wo das Boot angeschwemmt worden war. Dann brannten wir Anastasia nieder. Sie hatte lange genug in der Sonne gelegen und war ausgetrocknet, sodass sie sich leicht anzünden ließ. Als das Feuer erloschen und von Anastasia nur noch ein Haufen Asche übrig war, erwachte meine Tante wieder zum Leben und brach in Tränen aus. Es war das erste Mal, dass sie um ihren verlorenen Sohn weinte. Kurz darauf half mein Onkel ihr auf und sie gingen durch den trockenen Sand nach Hause.
Nach und nach gingen auch die anderen Anwesenden, die dieser Bestattung beigewohnt hatten, bis nur noch mein Bruder und ich übrig blieben. Es war dunkel und windig geworden. Ohne die hitzespendenden Flammen fror ich erbärmlich, doch mein Bruder und ich bewegten uns dennoch nicht von der Stelle. Wir starrten bis spät in die Nacht in die Ferne, wo der fast volle Mond von Mikhails Grab reflektiert wurde. Trotz des stärker gewordenen Wellengangs wirkte es friedlich. Der salzige Geruch war verschwunden, oder vielleicht hatte ich mich auch nur daran gewöhnt und nahm ihn deshalb nicht mehr wahr. Mir war es einerlei. Ich blieb so lange im Sand sitzen, bis ich meinen Körper vor Kälte kaum noch spürte und der nasse Friedhof mir vorkam wie mein Zuhause und die Asche zu meinen Füßen zu einem Teil von mir wurde. Dann erst erhob ich mich und mein Bruder und ich gingen nach Hause. In der Ferne gaben einige Möwen unverständliche, tierische Schreie von sich. Keine Todesankündigungen. Keine Namen. Vor allem nicht Anastasia.
Der Tag, an dem Mikhail starb, war ein toter Tag. Die Nacht, in der er von uns ging, lebte.